BLOG 60: Wer hat Österreich nach dem Krieg wieder aufgebaut?

Veröffentlicht am 7. Jänner 2026 um 08:32

Fakten statt Mythen (inkl. Gastarbeiter-Debatte)

Der Wiederaufbau Österreichs nach 1945 wird bis heute emotional diskutiert.

Besonders ein Punkt sorgt immer wieder für Verwirrung, Überhöhung oder Abwertung:

die Rolle der Gastarbeiter.

Um Klarheit zu schaffen, braucht es eines vor allem: eine saubere zeitliche Trennung.

  1. 1945–1955: Wiederaufbau - ohne Gastarbeiter

Ein oft übersehener, aber zentraler Fakt:

Der eigentliche Wiederaufbau Österreichs fand ohne Gastarbeiter statt.

Zwischen 1945 und Mitte der 1950er Jahre:

  • lag Österreich wirtschaftlich am Boden
  • wurden Städte, Infrastruktur und Industrie wieder aufgebaut
  • existierte keine organisierte Arbeitsmigration
  • herrschte sogar hohe Arbeitslosigkeit

Der Wiederaufbau wurde getragen von:

  • heimischen Arbeitern und Arbeiterinnen
  • Frauen (Trümmerbeseitigung, Versorgung, Landwirtschaft)
  • Bauern
  • staatlicher Organisation
  • internationaler Hilfe (Marshallplan)

Bis etwa 1960 war Österreich ein Auswanderungs- und kein Einwanderungsland.

  1. Ab wann kamen Gastarbeiter – und warum?

Beginn der Gastarbeiter-Anwerbung

  • 1961: erstes Anwerbeabkommen mit Spanien
  • 1964: Abkommen mit der Türkei
  • 1966: Abkommen mit Jugoslawien

Der Grund war nicht Wiederaufbau, sondern:

Arbeitskräftemangel durch starken Wirtschaftsaufschwung

Österreich hatte zu diesem Zeitpunkt:

  • Vollbeschäftigung
  • stark wachsende Industrie
  • steigenden Wohlstand
  • zunehmende Exportwirtschaft

Gastarbeiter sollten:

  • Engpässe überbrücken
  • vor allem einfache, körperlich belastende Arbeit übernehmen
  • ursprünglich nur vorübergehend bleiben
  1. Wie hoch war der Anteil der Gastarbeiter? – Zahlen statt Gefühl

Wichtig ist die Einordnung in Relation zur Gesamtbevölkerung:

1960

  • Ausländeranteil: ca. 1–2 %

1970

  • Ausländeranteil: ca. 4 %
  • davon ein großer Teil sogenannte „Gastarbeiter“

1973 (Höchststand vor Anwerbestopp)

  • ca. 230.000 ausländische Arbeitskräfte
  • etwa 5–6 % der Gesamtbevölkerung
  • ca. 10 % der unselbstständig Beschäftigten

Gastarbeiter waren wichtig – aber niemals die Mehrheit der Arbeitenden.

  1. Bedeutung für den Wirtschaftsaufschwung – nüchtern betrachtet

Was ist Fakt

  • Gastarbeiter trugen zur Aufrechterhaltung des Wachstums bei
  • sie arbeiteten vor allem in:
    • Bau
    • Industrie
    • Schwerarbeit
    • Schichtbetrieb
  • sie stabilisierten Produktionsketten
  • sie ermöglichten weiteres Wachstum bei Vollbeschäftigung

Was ist kein Fakt

  • Sie haben nicht den Wiederaufbau geleistet
  • Sie haben nicht den Wirtschaftsaufschwung „allein ermöglicht“
  • Ohne sie wäre Österreich nicht kollabiert, sondern langsamer gewachsen

Sie waren ein ergänzender Faktor - kein Fundament.

  1. Mythos vs. Realität: „Ohne Gastarbeiter gäbe es unseren Wohlstand nicht“

Diese Aussage ist zu pauschal.

Richtig ist:

  • Der Wohlstand entstand primär durch:
    • heimische Arbeitskräfte
    • Sozialpartnerschaft
    • Industriepolitik
    • Marshallplan
    • Bildung
    • stabile Institutionen

Gastarbeiter:

  • verstärkten diesen Prozess
  • ersetzten fehlende Arbeitskräfte
  • trugen zum Wachstum bei

Der Wohlstand Österreichs ist ein Gesamtprodukt - kein Importprodukt.

  1. 1973–1990er: Vom Gastarbeiter zur Einwanderungsgesellschaft

1973 kam der Anwerbestopp (Ölkrise).

Doch:

  • viele Gastarbeiter blieben
  • Familiennachzug setzte ein
  • Migration wurde dauerhaft

In den 1980er- und 1990er-Jahren:

  • wuchs der Ausländeranteil langsam weiter
  • neue Migration durch:
    • Jugoslawienkriege
    • EU-Osterweiterung
    • Asylbewegungen

1990

  • Ausländeranteil: ca. 6–7 %

2000

  • Ausländeranteil: ca. 9 %

Das ist eine völlig andere Phase als die Gastarbeiterzeit der 1960er.

  1. Ein weiterer Mythos: „Gastarbeiter wollten nie bleiben“

Auch das ist nur teilweise richtig.

  • Der Staat plante Rotation
  • Viele Gastarbeiter planten Rückkehr
  • Integration war kaum vorgesehen

Dass viele blieben, lag auch an:

  • wirtschaftlicher Stabilität
  • Familiennachzug
  • fehlenden Rückkehranreizen
  • politischen Entscheidungen

Migration wurde de facto dauerhaft – ohne dass die Gesellschaft darauf vorbereitet war.

Fazit: Fakten schaffen Klarheit - Mythen spalten

Zusammengefasst:

Österreich wurde ohne Gastarbeiter wieder aufgebaut

Gastarbeiter kamen erst im Wirtschaftsaufschwung

Ihr Anteil war begrenzt, aber relevant

Sie waren Mitwirkende, nicht Hauptträger

Wohlstand ist kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenspiel

Probleme entstehen dort, wo Geschichte verkürzt oder instrumentalisiert wird

Nur eine ehrliche, faktenbasierte Betrachtung ermöglicht eine sachliche Debatte über Migration - damals wie heute.

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