Fakten statt Mythen (inkl. Gastarbeiter-Debatte)
Der Wiederaufbau Österreichs nach 1945 wird bis heute emotional diskutiert.
Besonders ein Punkt sorgt immer wieder für Verwirrung, Überhöhung oder Abwertung:
die Rolle der Gastarbeiter.
Um Klarheit zu schaffen, braucht es eines vor allem: eine saubere zeitliche Trennung.
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1945–1955: Wiederaufbau - ohne Gastarbeiter
Ein oft übersehener, aber zentraler Fakt:
Der eigentliche Wiederaufbau Österreichs fand ohne Gastarbeiter statt.
Zwischen 1945 und Mitte der 1950er Jahre:
- lag Österreich wirtschaftlich am Boden
- wurden Städte, Infrastruktur und Industrie wieder aufgebaut
- existierte keine organisierte Arbeitsmigration
- herrschte sogar hohe Arbeitslosigkeit
Der Wiederaufbau wurde getragen von:
- heimischen Arbeitern und Arbeiterinnen
- Frauen (Trümmerbeseitigung, Versorgung, Landwirtschaft)
- Bauern
- staatlicher Organisation
- internationaler Hilfe (Marshallplan)
Bis etwa 1960 war Österreich ein Auswanderungs- und kein Einwanderungsland.
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Ab wann kamen Gastarbeiter – und warum?
Beginn der Gastarbeiter-Anwerbung
- 1961: erstes Anwerbeabkommen mit Spanien
- 1964: Abkommen mit der Türkei
- 1966: Abkommen mit Jugoslawien
Der Grund war nicht Wiederaufbau, sondern:
Arbeitskräftemangel durch starken Wirtschaftsaufschwung
Österreich hatte zu diesem Zeitpunkt:
- Vollbeschäftigung
- stark wachsende Industrie
- steigenden Wohlstand
- zunehmende Exportwirtschaft
Gastarbeiter sollten:
- Engpässe überbrücken
- vor allem einfache, körperlich belastende Arbeit übernehmen
- ursprünglich nur vorübergehend bleiben
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Wie hoch war der Anteil der Gastarbeiter? – Zahlen statt Gefühl
Wichtig ist die Einordnung in Relation zur Gesamtbevölkerung:
1960
- Ausländeranteil: ca. 1–2 %
1970
- Ausländeranteil: ca. 4 %
- davon ein großer Teil sogenannte „Gastarbeiter“
1973 (Höchststand vor Anwerbestopp)
- ca. 230.000 ausländische Arbeitskräfte
- etwa 5–6 % der Gesamtbevölkerung
- ca. 10 % der unselbstständig Beschäftigten
Gastarbeiter waren wichtig – aber niemals die Mehrheit der Arbeitenden.
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Bedeutung für den Wirtschaftsaufschwung – nüchtern betrachtet
Was ist Fakt
- Gastarbeiter trugen zur Aufrechterhaltung des Wachstums bei
- sie arbeiteten vor allem in:
- Bau
- Industrie
- Schwerarbeit
- Schichtbetrieb
- sie stabilisierten Produktionsketten
- sie ermöglichten weiteres Wachstum bei Vollbeschäftigung
Was ist kein Fakt
- Sie haben nicht den Wiederaufbau geleistet
- Sie haben nicht den Wirtschaftsaufschwung „allein ermöglicht“
- Ohne sie wäre Österreich nicht kollabiert, sondern langsamer gewachsen
Sie waren ein ergänzender Faktor - kein Fundament.
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Mythos vs. Realität: „Ohne Gastarbeiter gäbe es unseren Wohlstand nicht“
Diese Aussage ist zu pauschal.
Richtig ist:
- Der Wohlstand entstand primär durch:
- heimische Arbeitskräfte
- Sozialpartnerschaft
- Industriepolitik
- Marshallplan
- Bildung
- stabile Institutionen
Gastarbeiter:
- verstärkten diesen Prozess
- ersetzten fehlende Arbeitskräfte
- trugen zum Wachstum bei
Der Wohlstand Österreichs ist ein Gesamtprodukt - kein Importprodukt.
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1973–1990er: Vom Gastarbeiter zur Einwanderungsgesellschaft
1973 kam der Anwerbestopp (Ölkrise).
Doch:
- viele Gastarbeiter blieben
- Familiennachzug setzte ein
- Migration wurde dauerhaft
In den 1980er- und 1990er-Jahren:
- wuchs der Ausländeranteil langsam weiter
- neue Migration durch:
- Jugoslawienkriege
- EU-Osterweiterung
- Asylbewegungen
1990
- Ausländeranteil: ca. 6–7 %
2000
- Ausländeranteil: ca. 9 %
Das ist eine völlig andere Phase als die Gastarbeiterzeit der 1960er.
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Ein weiterer Mythos: „Gastarbeiter wollten nie bleiben“
Auch das ist nur teilweise richtig.
- Der Staat plante Rotation
- Viele Gastarbeiter planten Rückkehr
- Integration war kaum vorgesehen
Dass viele blieben, lag auch an:
- wirtschaftlicher Stabilität
- Familiennachzug
- fehlenden Rückkehranreizen
- politischen Entscheidungen
Migration wurde de facto dauerhaft – ohne dass die Gesellschaft darauf vorbereitet war.
Fazit: Fakten schaffen Klarheit - Mythen spalten
Zusammengefasst:
Österreich wurde ohne Gastarbeiter wieder aufgebaut
Gastarbeiter kamen erst im Wirtschaftsaufschwung
Ihr Anteil war begrenzt, aber relevant
Sie waren Mitwirkende, nicht Hauptträger
Wohlstand ist kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenspiel
Probleme entstehen dort, wo Geschichte verkürzt oder instrumentalisiert wird
Nur eine ehrliche, faktenbasierte Betrachtung ermöglicht eine sachliche Debatte über Migration - damals wie heute.
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